Die Nazi-Pest war keine Saisonplage

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Lukas Kulschewski aus der Klasse AH13W war einer der Schüler der gymnasialen Oberstufe des Paul-Spiegel-Berufskollegs, die sich am Lesemarathon im Alten Rathausbeteiligt haben.Foto:Michael Korte

Dorsten. „Mein Vater glaubte immer noch an ein Wunder. Er war zuversichtlich und rechnete damit, dass alles bald wieder gut werden würde und unsere Familie nach Warendorf zurückkehren konnte.“

Wie sehr sich Hugo Spiegel, der Vater des Autors Paul Spiegel, irrte, wussten die meisten Zuhörer bereits. Dennoch folgten sie gebannt den Erinnerungen Spiegels „Wieder zu Hause?“, die in einem Lesemarathon gestern im Alten Rathaus vorgetragen wurden.

Der Holocaust-Gedenktag war für 40 Schülerinnen und Schüler der Klassen 11 und 13 des beruflichen Gymnasiums sowie Schulleiter Norbert Weber und der stellvertretenden Schulleiterin Michaela Büschemann Anlass zu dieser ungewöhnlichen Aktion.

Abwechselnd trugen Schüler, aber auch Lehrer und ebenso Landrat Cay Süberkrüb und Bürgermeister Lambert Lütkenhorst aus diesen oftmals sehr bedrückenden Erlebnissen Spiegels vor: „Die Nazi-Pest war keine Saisonplage, wie manche glaubten.“

Selbst als Hugo Spiegel brutal zusammengeschlagen und mit dem Tod bedroht wird, wenn er seine Heimatstadt nicht verlässt, glaubt der Warendorfer immer noch, dass „der Nazi-Alptraum sich bald verflüchtigen wird.“

Doch Hugo Spiegel wird der Gewerbeschein und somit die Basis seiner Existenz entzogen. Seine Tochter Rosa bringt er in Holland unter. Mit Frau und Sohn zieht er später nach Brüssel. Bei einem Metzger findet er Anstellung und Unterkunft. Der „Patron“ hält seine schützende Hand über ihn. „Die Familie glaubte sich in Belgien in Sicherheit“, schildert Sohn Paul später. Doch es war eine trügerische Annahme.

Die heile Welt in dem kleinen Zimmer existiert nur kurze Zeit. Mutter und Sohn Paul verbringen viel Zeit miteinander, die Mutter versucht, für die Familie ein Nest zu bauen. Doch dann beginnt der Zweite Weltkrieg: „Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen.“

Trügerische Sicherheit

Und der Krieg stürzt auch Familie Spiegel immer tiefer in Elend und Verzweiflung. Sie sind in Brüssel nicht mehr sicher. Auch wenn der Metzger für sie Verständnis hat und ihnen beisteht: „Hugo, Du bist ein Deutscher. Aber kein Nazi. Du bist Jude, also ein Feind der Nazis.“ Als die Wehrmacht im Mai 1940 Brüssel besetzt, da wissen auch die Spiegels, dass ihnen Schlimmes bevor stand.

Mit leiser, bedächtiger Stimme trägt Bürgermeister Lambert Lütkenhorst diese Passage aus Spiegels Buch vor. Man merkt ihm an, dass ihn diese Zeilen bewegen, dass er Anteil nimmt an dem Schicksal der Familie, das über den Sohn Paul auch mit Dorsten - als Namenspatron des Berufskollegs - verknüpft ist.

Susanne Menzel

Quelle: WAZ

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