Michaela Büschemann

stellvertretende Schulleiterin

Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Es war der 27. Januar 1945, als die rote Armee die Insassen des Konzentrations-lagers in Auschwitz befreite. Eine Befreiung aus einem Grauen, das kaum vorstellbar ist. Dies geschah genau heute, vor 69 Jahren. Seit 1996 ist der 27. Januar in der Bundesrepublik Deutschland ein nationaler Gedenktag.

Dieser Tag erinnert an alle Opfer eines beispiellosen totalitären Regimes während der Zeit des Nationalsozialismus. Er erinnert an Millionen Menschen, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entrechtet, verfolgt, gequält und ermordet wurden.

Allein in Auschwitz verloren mehr als 1,1 Millionen Menschen ihr Leben.

1,1 Millionen! Wie wird eine solche Zahl greifbar? – Nüchtern betrachtet ist es eine Zahl mit 6 Nullen. – Aber, welche Dimension verbirgt sich dahinter?

Greifbar wurde diese Zahl für mich, als ich das erste Mal vor ca. 15 Jahren mit einer Schülergruppe in Polen war. Wir waren auch in Auschwitz, wir waren auch im ehemaligen Lager, das jetzt ein Museum ist. Dort gibt es Räume, in die man nur durch Glasscheiben hineinsehen kann, und die mit den unterschiedlichsten Dingen bestückt sind.

Einer dieser Räume ist von oben bis unten gefüllt mit alten Brillengestellen. Alle Gestelle liegen ungeordnet übereinander und ergeben einen großen Berg. Ein weiterer Raum ist gefüllt mit Unmengen von alten Schuhen. Männerschuhe, Frauenschuhe, Schuhe von Jugendlichen, von Kleinkindern und auch von Babys. Ein weiterer sehr großer Raum war gefüllt vom Boden bis zur Decke - nur mit Haaren. Berge von Haaren. Menschenhaare.

Als ich diese Räume sah, fing ich an zu begreifen, was diese Zahl annähernd bedeutet. Es waren die Spuren von Menschen, die nicht mehr leben, die ermordet wurden.

Seit 2006 trägt unsere Schule den Namen Paul-Spiegel-Berufskolleg. Damals haben wir einen Antrag an den Kreis Recklinghausen gestellt, um den alten Namen zu ändern. Im Antrag heißt es wörtlich: „Der Einsatz von Herrn Dr. Paul Spiegel für Zivilcourage, Toleranz sowie gegenseitigen Respekt und sein Auftreten gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus hat Maßstäbe gesetzt, die wir uns zum Vorbild nehmen. Somit fühlen wir uns diesen Ansprüchen in unserer täglichen Arbeit verpflichtet. Das Eintreten für die mit seinem Leben in Verbindung stehenden Werte soll nach den Vorstellungen der Schulgemeinde dauerhaft mit den Leitideen unserer Tätigkeit verbunden, weiter intensiviert und durch diese Namensgebung auch äußerlich sichtbar gemacht werden.“

Und genau da knüpfen wir heute an.

An die Schule in einer demokratischen Gesellschaft richtet sich die Erwartung, Tendenzen zur Ausgrenzung von Menschen und Fremdenfeindlichkeit im eigenen Einflussbereich nicht zu dulden und durch entsprechende Bildungsprozesse ihrer gesellschaftlichen Verbreitung Widerstand zu leisten. Schulen müssen reagieren und zwar nicht nur als Reaktion auf Akte der Gewalt gegen Mitglieder von Minderheiten, sondern sie müssen sich auch damit auseinandersetzen, wie das friedliche und demokratische Miteinander im Alltag, in einem geordneten Schulalltag, erreicht werden kann und welchen Beitrag sie dazu leisten können.

Wir als Schule in einer demokratischen Gesellschaft müssen uns damit auseinander und das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zum Unterrichtsthema machen, damit die Erinnerung an die Vergangenheit wach bleibt.

Unser Berufskolleg hat auch in diesem Jahr wieder zum gemeinsamen Gedenken an die Gräueltaten im Nationalsozialismus aufgerufen. Eine totalitäre Diktatur, in der zwölf Jahre hindurch eine staatliche Ordnung existierte, die in ihrer Brutalität, ihrer Menschenverachtung, ihrer rechtlichen Willkür und der Konsequenz ihres verbrecherischen Handelns einzigartig war. Eine Diktatur, in der viel zu viele wegsahen oder sich aufhetzen ließen.

So etwas darf niemals wieder geschehen!

Dazu soll das heutige Gedenken einen Beitrag leisten. Der heutige Tag ist ein Denk-Tag. Wir wollen „Gedenken“ und aber auch „Nachdenken“ über die Vergangenheit. Gleich werden wir alle gemeinsam eine Menschenkette um unsere Schule bilden. Ein Band aus Menschen, ein Band gegen den Faschismus. Möge Ihnen, liebe Schülerinnen und Schüler, der heutige Tag denkend und mahnend in Erinnerung bleiben.

Nach diesen kurzen einleitenden Worten freue ich mich jetzt, Sie alle hier begrüßen zu dürfen, insbesondere

unseren Landrat Cay Süberkrüb,

den Bürgermeister der Stadt Dosten, Lambert Lütkenhorst,

und Herrn Ridder vom Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten.

Ganz besonders begrüßen möchte ich jedoch heute die Hauptakteure dieses Gedenktages: unsere Schülerinnen und Schüler, die diese Veranstaltung vorbereitet und erst ermöglicht haben. Vielen Dank dafür!

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