Landrat Cay Süberkrüb

Anlass Holocaust Gedenktag

Paul-Spiegel-Berufskolleg

Heute, am 27.Januar 2014 jährt sich die Befreiung des NS- Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz zum 69. Mal.

 Auschwitz steht gleichbedeutend für massenhaften und industriellen Mord an mehr als 1,5 Millionen Menschen. Der größte Teil der Ermordeten waren Juden. Aber auch viele tausend Roma und Sinti, Andersdenkende und Gegner des Regimes, Sozialdemokraten, Kommunisten,

Zeugen Jehovas, oppositionelle Pastoren und Priester, Gewerkschafter, Homosexuelle wurden in Auschwitz ermordet.

Sich erinnern - es ist außerordentlich nötig, um ganz tief im Gedächtnis der Menschen zu verankern, was niemals mehr geschehen darf. Aber wie schafft man es, dass Erinnerung nicht nur als Pflichtlektion empfunden wird? Wie verhindert man, dass Gedenktage wie der heutige nicht nur als schale Rituale betrachtet werden?

Erinnern, so hat der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker einmal gesagt, „heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, dass es zu einem Teil des Inneren wird“.

Das gelingt aber nur, wenn man davon berührt wird, wenn man begreift, dass es einen selbst betrifft, wenn man erkennt, dass es auch das eigenen Leben – hier und jetzt – betrifft.

Ja, es ist ganz wichtig das unvorstellbare Grauen, das Inferno, das brutale Terrorregime, die Zahl der sechs Millionen Toten, das Unfassbare vor Augen zu führen. Und auch das, was sich dahinter verbirgt: die Geschichten und Schicksale der einzelnen Menschen, was sie taten, was sie fühlten und wie sie litten.

Mut machen mir hier zwei bei uns lebende Menschen:
Rolf Abrahamson und Schwester Johanna Eichmann. Rolf Abrahamson wurde von den Naziterroristen durch viele Konzentrationslager geschickt – er wollte, konnte aber nicht sterben und kam nach 1945 nach Marl zurück. Seine Zweifel an Gott hat er mit der Frage ausgedrückt: Wann hat Gott seinen Urlaub wohl beendet? In seiner Wohnung hängen so viele Teppiche, die er nachts, wenn die Erinnerungen ihn nicht schlafen ließen, webte, dass ich zweifle, ob ich auch nur eine einzige Nacht in der Lage wäre, ihm seine Erinnerungen abzunehmen, ohne wahnsinnig zu werden. Rolf Abrahamson, das ist eines der größten Wunder, ist dabei ein gütiger und sogar humorvoller Mensch geblieben.

Auch wir müssen uns immer wieder erinnern, wie es überhaupt zu Mord und Gas und Hass und Qual kommen konnte. Wir müssen es immer und immer wieder benennen. Auch dann, wenn es unbequem und unerträglich erscheint.

Denn der Holocaust begann nicht erst mit den Deportationen, den Konzentrationslagern und Gaskammern. Er begann viel früher, er begann, als Menschen, die vorher Nachbarn waren, als „anders“ abgestempelt wurden. Er begann, als diese Menschen ausgegrenzt und verhöhnt wurden und immer mehr dabei mitspotteten und mitmachten. Er begann, als Recht zu Unrecht pervertiert wurde, als Menschen wegen ihres Glaubens und ihrer Abstammung rechtlos gestellt wurden. Und er begann – das ist die traurige Wahrheit – als nur wenige sich dagegen auflehnten.

Martin Niemöller, U-Boot Kommandant im I Weltkrieg, evangelischer Pfarrer und KZ Gefangener sagte es nach dem II Weltkrieg so:
Als sie die ersten Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; denn ich war kein Kommunist. Als sie die ersten Juden holten, habe ich geschwiegen; denn ich war kein Jude. Als sie die ersten Katholiken holten, habe ich geschwiegen; denn ich war kein Katholik. Als sie mich holten, war niemand mehr da, der seine Stimme hätte erheben können.

Lasst uns daran denken, lasst uns mahnen, dass auch wir vor solchem Umgang mit Menschen nicht gefeit sind. Auch bei uns werden Menschen ausgegrenzt und mit Skepsis oder Herablassung betrachtet, weil sie eine andere Hautfarbe oder einen anderen Glauben haben, weil sie Asylbewerber oder Arbeitslose sind.

Es ist wichtig, dass unser Grundgesetz mit den Worten beginnt
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Der Satz erinnert, dass Menschen einander Unmenschliches anzutun imstande sind, er fordert ein, dass das nie wieder geschieht, und er verpflichtet, die Würde eines jeden Menschen zu wahren, woher er auch kommt, was er auch glaubt, wer er auch ist oder was er auch kann.

Dieses erste Gebot unserer Verfassung ist eine moralische wie politische und rechtliche Verpflichtung. Es verlangt vom Staat die Wertschätzung jedes Einzelnen und macht zugleich deutlich, dass nur dann Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gedeihen können, wenn der Staat diesem Gebot folgt und das durch die Verfassung gegebene Versprechen einlöst, jedem Achtung zu zollen, ihm zur Selbstachtung zu verhelfen, ihm Platz und Schutz zu bieten, ihn nicht als Objekt, sondern Subjekt zu behandeln und seine Menschenrechte zu achten.

Was aber für den Staat gilt, gilt gleichermaßen auch für den Umgang der Menschen miteinander, denn wir alle bilden in einer Demokratie den Staat, an uns liegt es, ob unsere Gesellschaft menschliche Züge trägt. Wir müssen aufmerksam bleiben, wenn mangelnde Achtung beginnt, zur Missachtung wird und schließlich in der Verletzung der Würde eines Menschen endet.

Paul Spiegel, der Namensgeber dieser Schule hat es einmal so ausgedrückt:

"Jede von rechtsradikalen Parolen genährte Ausländerfeindlichkeit, jeder antisemitische Übergriff, jeder Angriff auf eine Minderheit ist ein direkter Angriff auf unsere Demokratie und damit auf jeden Staatsbürger. Dies haben aber zu viele Menschen noch nicht begriffen, die das alles nur für ein Problem dieser "Minderheiten" halten." (Paul Spiegel 2005)

Deshalb ist es wichtig, immer wieder deutlich zu machen, dass eine Kultur des einander Achtens, wie sie unser Grundgesetz einfordert, nur gedeiht, wenn alle sich dem anderen öffnen, aufeinander zugehen, sich kennen und verstehen lernen, sich respektieren und tolerieren, und Verantwortung nicht nur für sich, sondern auch für andere übernehmen. Man braucht Mut, sich dafür einzusetzen. Es braucht Zivilcourage, aufzustehen, wenn man sieht, dass dagegen verstoßen wird. Das ist leichter gesagt als getan, werden Sie sagen, werdet Ihr sagen. Aber wenn nur einer damit beginnt und diese Zivilcourage zeigt, kann es sein, dass andere folgen, und je mehr es werden, desto einfacher ist es, sie zu praktizieren.

 Ich bin froh, dass auch von diesem Gedenktag Signale ausgehen. Dafür möchte ich allen, die am Paul-Spiegel-Berufskolleg dazu seit Jahren ihren Beitrag leisten, ganz herzlich danken! Sie alle haben den Auftrag zum Erinnern angenommen. Sie alle sind wichtige Botschafter. Denn nur wer erinnert, nur wer mahnt und wach rüttelt, wer mutig ist, wer Diskriminierung und Ausgrenzung bekämpft, hat die Chance beizutragen, dass Auschwitz wirklich „nie wieder“ geschieht.

Ich lade sie abschließend herzlich ein, eine Ausstellung, die demnächst im Kreishaus zu sehen ist und die sich mit Heimatsuchern befasst, Menschen, die Heimat in Deutschland hatten, den Holocaust überlebten und neue Heimat in Israel fanden, zu besuchen. Auch Rolf Abrahamson hat versprochen, dabei zu sein – wir schicken Ihrer Schule das genaue Datum.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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